Dienstag, 5. Juni 2012

Hier wird nicht nur der Ball getreten - willkommen in der Ukraine

Am Freitag beginnt die EM und ich werde mich sicherlich auch abgesehen vom Gewinnspiel hier noch mehrfach dazu äußern, ob in Form von Prognosen, Freudentaumeleien oder Nervenzusammenbrüchen über die Leistung unserer Elf bleibt abzuwarten.

Aber wie ich in meinem Kommentar zum Gewinnspiel schon erwähnte, sehe ich natürlich auch die andere Seite der Medaille und ich finde es wichtig, sich damit auseinanderzusetzen. Ich persönlich setze mich generell sehr stark mit solchen Problematiken auseinander, aber diese Auseinandersetzungen streifen den Inhalt dieses Blogs eher am Rande. Was aber eben nicht bedeutet, dass ich ein unkritischer oder uninformierter Mensch bin, nur wenn ich das alles hier posten würde, würde dieses Blog im Elend versinken und das möchte ich nicht. Wer sich intensiv mit so etwas auseinandersetzen möchte, findet genügend Informtionsquellen.

Ich weiß, dass es einige Menschen gibt, die für einen Boykott der EM sind aufgrund der Tatsache, was die Ukraine für einen Irrsinn betreibt. Also einerseits die Tierschützer, die die EM boykottieren wollen wegen den Hundetötungen und andererseits die Menschenrechtler, die mehr als genug Gründe für einen Boykott anführen könnten und Frau Timoschenko voranstellen.

2006 war das Motto der WM in Deutschland "Die Welt zu Gast bei Freunden". Ich denke, dass wir dieses Motto tatsächlich ziemlich gut umgesetzt haben und die sonst doch vielen Deutschen eigene Griesgrämigkeit ziemlich erfolgreich abgelegt haben und wirklich gute Gastgeber waren. Wenn man sich allerdings fragt, bei wem Europa nun zu Gast ist (Polen als zweiten Gastgeber lasse ich an dieser Stelle ausdrücklich außen vor), dann kann die Antwort wohl eher nicht 'bei Freunden' lauten. Zumindest weder bei Tier- noch bei Menschenfreunden. Nun ist das Motto der EM ja auch ein anderes, es lautet "Writing History together" - das wird dann wohl eher eine traurige Geschichte.

Ich finde es unsäglich, was in der Ukraine abläuft und meiner Meinung nach hätte die EM nie an dieses Land vergeben werden dürfen. Welche Motive bei der Vergabe entscheidend waren lassen wir lieber dahingestellt, die Vergabepolitik der UEFA und ebenso der FIFA in letzter Zeit was die großen Turniere angeht dürfte hinlänglich bekannt sein und ist ein Debakel. (Wer es nicht mitbekommen hat - hier ein Beispiel).

Jetzt ist die EM aber nunmal in der Ukraine und wir können nichts daran ändern - was also tun?

Dass in einem Land, das sich nichts aus Menschenrechten macht mit Tieren nicht besser verfahren wird ist leider quasi nur eine logische, sehr bittere Schlussfolgerung.
Zum Thema Boykott - wie sollte der aussehen? Meiner Meinung nach würde ein Boykott nur etwas bringen, wenn die EM von Besuchern boykottiert würde, d.h. wenn die Ukraine den Boykott auch spürt. Wenn hochrangige Politiker und andere Prominente nicht anreisen würden, würde das der Ukraine wirklich weh tun. Wenn unsereins so tut, als würde die EM nicht stattfinden und stattdessen der Fernseher aus bleibt und wir das Bierchen zur Simpsons-DVD trinken, wird die hohen Herren in der Ukraine und von der UEFA das kein Stück interessieren. Es sei denn, es blieben überall die Fernseher aus und sie hätten keine Quote, dann gäbe es ein Problem mit den TV-Einnahmen und sowas interessiert die Herren von der UEFA sehr wohl - aber dieses Szenario ist schlicht und ergreifend unrealistisch.
Ergo bringt ein Fernsehboykott einzelner kleiner Männer nichts und die hohen Herren werden schön anreisen, weil Frau Timoschenko inzwischen ihre Bandschreibenspritzen bekommt.

Ich will mich jetzt hier nicht weiter über die politische Situation in der Ukraine auslassen, weil es den Rahmen sprengen würde, aber eins möchte ich loswerden. Es ist unbestritten unmöglich, wie Julia Timoschenko dort behandelt wird und es ist gut, dass sich das Ausland für sie eingesetzt hat. Aber, und das regt mich wahnsinnig auf - diese Fokussierung auf diese Frau und ihre Überhöhung ist ein Unding. Nur weil sie jetzt behandelt werden darf, reisen unsere Politiker möglicherweise doch zur EM. Geht's noch? Das kann doch nicht das Kriterium sein! Da wird so vielen wirklich unschuldigen Menschen so viel Leid angetan und Unrecht zugefügt und keinen Politiker interessiert es mehr, nur weil die hübsche Revolutionärin mit der charmanten Tochter nun endlich die Bandscheibe behandelt bekommt? Dass die Dame selber keine blütenweiße Weste hat, interessiert jetzt natürlich niemanden mehr. Schließlich weiß sie im Gegensatz zu den anderen, wie man die Aufmerksamkeit der Medien bekommt und das ist offensichtlich das einzig entscheidende Kriterium für manche Politiker. Insofern also gute Reise in die Ukraine.
Ich weiß, Frau Merkel hat sich noch nicht entschieden, aber ich frage mich, was es da noch zu entscheiden gibt, wenn man sieht, was dort los ist. Sie sollte mit ihrer Regierung ein Zeichen setzen. Andere sind in dieser Hinsicht etwas entschiedener.
Hier ein paar Beispiele, was Menschen ohne hübsche Töchter und güldenes Haar widerfährt, die offensichtlich nicht so wichtig sind: 
taz "Die Polizei, dein Freund und Folterer" 
Die Lage der ukrainischen Roma
umfassende Infos zur Lage in der Ukraine bei Amnesty International

Um es nochmal auf den Punkt zu bringen - es gäbe mehr als genug Gründe, die EM in der Ukraine zu boykottieren. Aber man sollte sich fragen, wie sinnvoll das ist.
Wenn Politiker und Prominente die EM boykottieren ist das ein Zeichen und es wird die Ukraine schmerzen, es macht also bestimmt Sinn. Das Gleiche gilt auch für Zuschauer - würden keine Fans anreisen, wäre das ebenfalls nicht schön für die Ukraine, aber das ist unrealistisch. Realistisch betrachtet bringt es genauso wenig, wenn wir den Fernseher auslassen.
Wichtig ist es meiner Meinung nach Zeichen zu setzen. Ob man das durch einen Boykott macht oder aber dadurch, dass man den Mund aufmacht und das Unrecht dort anprangert, wenn man vor Ort ist, ist dabei irrelevant. Soll heißen - wenn hohe Tiere hinreisen, finde ich es legitim, solange sie auf die Mißstände dort hinweisen und diese ansprechen und nicht nur gutes Wetter machen und sich über ihre VIP-Tickets freuen.
 Und so sollten es meiner Meinung nach auch die kleinen Leute, also die Fans handhaben, die nichts daran ändern können, dass die UEFA eine abstruse Vergabepolitik verfolgt und die EM in der Ukraine stattfindet, egal ob sie die Flimmerkiste anschalten oder nicht.

Eigentlich sollte es hier um Fußball gehen und die Spieler und die Fans sollten dieses Turnier genießen können, statt sich mit solchen Problematiken auseinandersetzen zu müssen. Was dort passiert ist nicht die Schuld der Fans/Spieler, sondern der Politik und der Funktionäre. Und genau die sind es auch, die eingreifen müssten. Jetzt ist es zu spät, aber in Zukunft wäre es schön, wenn man so konsequent wäre, solche Ereignisse nicht mehr an solche Länder zu vergeben.

Fans und Sportler können nichts ändern, das ist Aufgabe von Politik und Funktionären. Und genau deswegen sollten meiner Meinung nach Fans und Sportler diese EM auch genießen dürfen, auch wenn es schwer ist. Der Boykott ist nur wirksam, wenn er von oben kommt, für Fans und Spieler sollte das Motto sein "Informieren statt Boykottieren!".
Wir Fans sollten nicht die Augen verschließen, sondern uns damit auseinandersetzen, was dort geschieht und jeder in seinem Rahmen seinen Protest zeigen, beispielsweise durch solche Aktionen. Aber ich finde, dann ist es auch genug und man darf mit gutem Gewissen die Spiele genießen, das schlechte Gewissen sollten wahrlich andere haben.

Das Gleiche gilt meiner Meinung nach für die Spieler - ich finde, sie sollten wissen, was für eine Situation dort herrscht, wo die EM stattfindet, und sie sollten sich auch dazu äußern (dürfen), sofern sie es möchten. Wenn es Spieler gibt, die sich aufgrund des Wettbewerbs nur auf diesen konzentrieren möchten und in dem Moment vielleicht nicht so einen Kopf für solche Problematiken haben bzw. sich dazu zu äußern, finde ich es aber auch legitim, solange sie wissen, wie die Situation ist.


Ein schönes Beispiel dafür, dass sich Fußballer mit der Problematik auseinandersetzen ist die Aktion von PETA mit Jürgen Klopp und Lars Ricken gegen die Hundetötungen in der Ukraine. Auf den Seiten von PETA finden sich auch genug weitere Infos dazu, so dass ich es jetzt an dieser Stelle nicht weiter vertiefen werde.


So, tut mir leid, das ist nun viel länger ausgefallen, als ich eigentlich vorhatte, aber bevor ich mich ab Freitag endgültig der Fußballfreude hingebe, wollte ich an dieser Stelle doch zeigen, dass ich mich mit der Problematik auseinandergesetzt habe, einen Boykott von Fanseite für wenig sinnvoll halte und mich deswegen guten Gewissens an der EM erfreuen und darüber bloggen kann und wenn Ihr bis hierhin durchgehalten habt, sollte das auch für Euch gelten. ;-)

Kommentare:

  1. Liebe Kate,

    ich habe mich schon über Deinen angesprochenen Kommentar und noch mehr über diesen Deinen Post gefreut - was soll ich lang drum rum reden und ausschweifend werden, Du hast fast alles gesagt, und ich bin völlig einer Meinung mit Dir!

    "Fast" bezieht sich auf mich persönlich - ich bin in der glücklichen Lage, locker ohne EM-Spiele auskommen zu können, da ich nicht deeer Fußball-Fan bin. Von da her werde ich die Gelegenheit nutzen, mich weiter bei Unveggies "unbeliebt" *g* zu machen und überall zu verkünden, ich schaute mir aus Protest keine Spiele an - "Hääh?" - ja, wegen der Gräueltaten, die in der Ukraine passierten (und passieren). :-)

    Konsequenterweise kann ich ja dann die in Polen statt findenden Spiele mit ansehen. *g*

    Viel Spaß mit der EM und auch mit und bei Deinem Gewinnspiel, PD

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    1. Hey PD,
      freut mich, dass der Post auf deine Zustimmung trifft. :)

      War mir nicht sicher, ob er nicht vielleicht einige Leser verschreckt, weil er ja doch recht lang geraten war, aber andererseits gibt es eben bestimmte Thematiken, wo man sich nicht kurz fassen kann und es ist mir auch wichtig gewesen.

      Dir auch viel Spaß bei(m polnischen Teil)der EM! :)

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  2. Verlinkt in https://www.facebook.com/DestinysPD/posts/474924539190190 :-)

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    1. Hmm, irgendwie funktioniet der Link bei mir leider nicht. :( Aber trotzdem toll, dass du es geteilt hast.

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    2. Du musst wahrscheinlich dafür in fb eingeloggt sein.

      Ich habe kommentiert: "Ich kann und will mir das Video auch nicht anschauen - aber ich sehe mir die Spiele, die in Polen statt finden, an und werde draußen überall erzählen, warum ich mir die Spiele, die in der Ukraine statt finden, NICHT ansehe - http://trying-to-be-a-good-girl.blogspot.de/2012/06/hier-wird-nicht-nur-der-ball-getreten.html"

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    3. Nope, eingeloggt ging auch nicht, da steht immer, die Seite könnte nicht gefunden werden. Naja, vielleicht liegt's auch an meinem Computer, macht ja nix. Glücklicherweise lässt du mich ja nicht dumm sterben. ;)
      Viel Spaß bei der EM! :)

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  3. Verlinkt in http://world-of-pd.blogspot.de/2012/06/fuball-em.html :-)

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  4. Samma (kennste das? *g*) Kate, gibt es irgendwo eine Seite, wo ich mich, auf die Schnelle und ohne großartig anzustrengen, darüber informieren kann, wann und welche Spiele in Polen stattfinden?

    Und: Wie waren Deine Tipps für die ersten beiden Spiele?

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    1. Klar kenn ich das ;) Und natürlich kenn ich auch eine Seite... guckst du hier http://www.kicker.de/news/fussball/em/spielplan/europameisterschaft/2012/spieltag.html und klickst dich dann durch die einzelnen Spieltage. :)

      Den ersten Tipp hab ich komplett verkackt, ich war mir sicher, dass Polen gewinnt, aber ich meine, wofür auch, Eröffnungsspiel im eigenen Land und das auch noch eine ganze Weile in Überzahl und in Führung liegend zu gewinnen, ach was, nicht mit Polen! *hmpf*

      Beim zweiten Spiel hatte ich immerhin die Tendenz richtig, allerdings hatte ich nur 1:0 für Russland getippt, ich hätte nicht erwartet, dass sie so stark sind.

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    2. Tank you :-) Und schade, dass es für Tendenzen keine Punkte gibt *g*

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    3. Doch doch, für die Tendenz gibt es auch Punkte. *freu* ;)

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