Sonntag, 3. Februar 2013

Augen auf

Ich hatte eben ein Erlebnis, das mir nicht aus dem Kopf geht und zu dem ich einfach mal ein paar Gedanken loswerden muss...

Ich saß am Hauptbahnhof und dort ist ein Mc Donald's, der direkt am Ausgang diese Müllstation hat, also diese Wagen, die sie haben, wo man sein Tablett hineinschiebt und oben den Getränkebecher reinstellt. Dann war dort ein Obdachloser, der das Restaurant betrat und ich dachte, er wollte sich vielleicht eine Kleinigkeit kaufen, bei Mc Donald's bekommt man ja manche Sachen schon recht günstig. Er ging aber gar nicht weiter hinein, sondern blieb bei dem Müllwagen stehen und durchsuchte die Tabletts nach Essensresten bzw. schaute, ob in den Bechern noch etwas drin war und trank es dann. Jetzt könnte man das an sich schon grausam genug finden, aber es war tatsächlich so, dass wir hier bei den Essensresten um die es ihm ging nicht von einer halben Schachtel Pommes reden, die irgendwer übrig gelassen hat - solche Reste fand er offensichtlich auch gar nicht - sondern er holte sich da wirklich zwei einzelne Fritten heraus, die irgendjemand auf dem Tablett gelassen hatte und einen winzigen Rest aus einem Päckchen süß-sauer Sauce. Kurze Zeit später versuchte er noch einmal sein Glück und fand einen Rest von irgendeinem Burger, also zwei Bissen waren das noch in etwa. 
Ich meine, verdammte Scheiße, wie hungrig und verzweifelt muss jemand sein, wenn er dort sein Essen sucht und sowas essen muss?! Ich fand das so grausam, mir sind echt fast die Tränen gekommen. Der Mann so auch wirklich erbärmlich aus und da saßen genug Leute, aber meint Ihr, es hätte sich irgendwer für ihn interessiert? Nein, jeder hat weggeschaut, kein Mensch hat ihn beachtet und ihm vielleicht mal ein bisschen Geld gegeben oder was Richtiges zu essen angeboten. Wo sind wir denn hier eigentlich?
Bevor sich jetzt einer fragt, warum ich denn nichts gemacht habe - ich konnte zu diesem Zeitpunkt meinen Platz nicht verlassen und als ich es endlich konnte und zu ihm gehen wollte, um ihm Geld für etwas zu essen zu geben, wurde ich von drei verzweifelten alten Damen angesprochen, die gerade den Mc Donald's verließen, ausschließlich Italienisch sprachen und in höchster Not eine Toilette suchten, die sie im Mc Donald's nicht gefunden hatten. Es gibt im Bahnhof nur Zentraltoiletten und da meine Italienischkenntnisse ziemlich rudimentär sind, konnte ich sie zwar verstehen, ihnen aber nicht verständlich erklären, wo sie hingemusst hätten, als brachte ich sie schnell hin. Als ich zurückkehrte, war der Mann verschwunden. Ich hatte das Geld vorher schon rausgeholt, aber ich konnte ihn nicht mehr finden, er war wie vom Erdboden verschluckt, ich habe noch im Restaurant und der Umgebung gesucht.

Das Geld habe ich dann später einem Kollegen von ihm im U-Bahnhof gegeben, der es mit Sicherheit auch gebrauchen konnte. Hier übrigens ein ähnliches Bild, dem Mann ging es sichtlich schlecht, er hatte Schmerzen und fror und alle sind dran vorbeigerannt. Ich könnte da wirklich zuviel bekommen. Warum sind Menschen so egoistisch und auf sich selbst fixiert?
Ich weiß, man kann nicht jedem helfen und überall was geben, darum geht es auch gar nicht. Ich weiß auch, dass es gerade in Großstädten diese Bettelmafia gibt und es wenig sinnvoll ist, denen sein Geld in den Becher zu werfen. Aber verdammt, die kann man doch unterscheiden. Macht doch mal die Augen auf und seht Euch die Menschen an. Man sieht doch, wem es wirklich schlecht geht. Was spricht denn dagegen, diesen Menschen mal ein freundliches Wort, ein Lächeln und ein bisschen Geld zu schenken?
Und an die, die jetzt denken "Dann muss ich doch aber dauernd und ich hab doch selbst nicht soviel..." - als ich in der Bahn saß, kam dort ein weiterer Obdachloser an und hat die Obdachlosenzeitung verkauft. Es waren nicht viele Leute in der Bahn, aber die haben ihn wieder alle ignoriert und ich muss zugeben, gerade in so einem Moment ist die Versuchung auch groß, man kann einfach weggucken, alle gucken weg, ich bin selbst nur Studentin und habe es nicht dicke und ich habe gerade erst Geld an seinen Kollegen rausgehauen, außerdem wirkte er so, als hätte er irgendwas genommen, das will man ja eigentlich nicht finanzieren... Ja klar, toll, natürlich findet man irgendwelche Gründe, wenn man nicht will. Klar hätte man auch bei dem Mann aus dem Mc Donald's denken können, warum er nicht zur Bahnhofsmission geht oder zur Tafel oder zu irgendeinem dieser Foodsharing-Hotspots oder so, es muss doch was zu finden sein. Aber offensichtlich war das ja keine Option, warum auch immer. Es geht nicht darum, was er tun könnte in solchen Momenten. Es geht darum, dass er es offensichtlich nicht tun kann, auch wenn man nicht weiß warum, aber man selbst kann in diesem Moment etwas tun und sollte deswegen nicht einfach wegschauen und sich denken, was der andere tun könnte. Es ist doch schlimm genug, dass sowas in unserer Überflussgesellschaft überhaupt möglich ist. Also fragt Euch nicht, was andere tun könnten, sondern tut das, was Ihr tun könnt, in diesem Moment. Und Vorurteile sollte man sich für später aufheben - ich habe mich durchgerungen und dem Mann in der Bahn auch noch Geld gegeben und bin mit ihm ins Gespräch gekommen - er sah nicht wegen Alkohol oder Drogen so aus, sondern weil er an der Dialyse hängt.
Ich war gestern einkaufen, ich bin noch schnell in den Supermarkt gesprungen, weil ich über's Wochenende noch eine Sache brauchte, die ich in dem davor vergessen hatte. Ich kam mit zig Sachen wieder raus, die ich nicht brauchte, aber auf die ich Lust hatte und habe dann statt ~ 1 Euro für das, was ich wirklich gebraucht hätte, ~ 10 Euro da gelassen für Dinge, die mich spontan verführt haben. Und ich bin mir sicher, ich bin nicht die Einzige, die nicht immer nur streng nach Liste einkauft. Solange ich sowas kann, kann ich nicht behaupten, ich hätte kein Geld, um anderen etwas abzugeben, die es wirklich brauchen. Und wenn am Ende des Geldes noch zuviel Monat übrig sein sollte, liegt es wohl eher an solchen Aktionen als daran, dass ich mal im richtigen Moment die Augen aufgemacht habe.

Also bitte, auch wenn Euch auf Eurem Weg durch die Stadt am Ende vielleicht zwanzig Obdachlose begegnet sind, lasst die Augen auf und helft denen, die es wirklich brauchen.

Ich weiß, das klingt jetzt ein bisschen wie das Wort zum Sonntag und eigentlich weiß ja auch jeder alles, was hier steht, aber ich glaube einfach, man muss es sich manchmal nochmal bewusst machen. Ich bin sonst auch jemand, der regelmäßig spendet und nicht nur heute wegen diesem Erlebnis, aber trotzdem ist mir dadurch einfach nochmal bewusst geworden, wie oft die Menschen doch versucht sind, einfach wegzuschauen und wieviel mehr man tun könnte, selbst wenn man eigentlich schon was tut. Ich habe mir auf jeden Fall vorgenommen, solche bescheuerten Einkäufe wie gestern in Zukunft nicht mehr zuzulassen und das Geld für solche "Lustobjekte" dann lieber am Ende des Monats denen zu geben, die selbst zu Monatsbeginn nicht wissen, was sie essen sollen.

Kommentare:

  1. Ganz toller Beitrag! Da gebe ich dir zu 100% Recht. Ich finde es auch armseelig die Leute zu ignorieren und als minderwertig anzusehen. Wenn ich mal in einer Stadt bin und solche Leute treffe, die wirklich Hilfe brauchen gebe ich gerne mein Geld weiter. Warum auch nicht.. wie du schon sagst.. ob ich es jetzt für Schnickschnack ausgebe oder sinnvoll nutze.

    Hoffen wir, dass es noch mehr Menschen gibt die das so sehen ;-)

    AntwortenLöschen
  2. klingt jetzt hart, aber JEDER in deutschland hat anspruch auf sozialhilfe und eine wohnung. man muss halt zum amt gehen und das beantragen. die machen das aber auch. solche leute - sieht man mal von leuten ohne aufenthaltsgenehmigung ab - haben sich bewusst dagegen entschieden, und wollen halt dieses vagabunden-dasein. selbst wenn jmd mit dem hartzIV-satz nicht hinkommt, gibts ja immer noch die tafeln. von daher seh ich keinen anlass, leuten auf der straße geld zu geben.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Naja, sicherlich hat jeder den Anspruch auf Sozialhilfe und es gibt die Tafeln und was weiß ich. Aber auch wenn Leute sich irgendwann mal bewusst für dieses Dasein entschieden haben, bedeutet das doch nicht, dass sie für alle Zeiten damit glücklich sind bzw. man ihnen deswegen nicht helfen sollte, wenn es ihnen offensichtlich schlecht geht und gerade aus welchen Gründen auch immer andere Maßnahmen nicht greifen. Das meinte ich ja, natürlich kann man nicht jedem Bettler immer was geben und nicht jeder ist wirklich bedürftig oder hätte keine andere Möglichkeit, aber ich finde, man muss da differenzieren und darf nicht, nur weil es theoretisch Hilfsmöglichkeiten gibt, die Augen verschließen.
      Es gibt so viele Möglichkeiten auch hier in unserem Sozialsystem durch's Raster zu fallen... um bei dem Dialyse-Mann zu bleiben - einmal privat versichert, selbstständig, krank geworden, es gab kein Zurück mehr und zack bist du nicht mehr versichert, krank und pleite. Je nachdem, was du an Behandlung brauchst, wird's dann auch mit Tafeln und Sozialhilfe eng, ich kenne da noch einen Fall von einem Bettler aus der City, der setzt sich garantiert nicht zum Spaß oder weil er sich für so ein Leben entschieden hat mit seinem Rollstuhl in die Innenstadt.
      Muss natürlich jeder für sich selbst entscheiden, wem er sein Geld geben will und soviel Not wie es gibt kann man eh nicht spenden... Wenn man sein Geld also lieber woanders hingibt und sagt, man möchte Menschen auf der Straße nicht spenden, weil sie diverse Möglichkeiten haben, ist das ja auch ok.
      Was mich viel mehr schockiert hat ist das Wegsehen der Menschen, wenn es anderen Menschen offensichtlich schlecht geht. Es muss ja auch nicht immer Geld sein, aber mal ein warmes Wort oder einfach mal nachfragen, ob man helfen kann...

      (Huch, zu lang, muss ich teilen...;)

      Löschen
    2. Letztens bin ich nachts vom Feiern nach Hause gelaufen und an einer ziemlich belebten Haltestelle lag ein betrunkener Obdachloser einfach mitten auf dem Radweg und hat geschlafen. Man konnte aber deutlich sehen, dass das nicht sein "gewähltes Nachtquartier" war und vorallem war es total gefährlich. Rundherum jede Menge Partyvolk und teilweise auch ziemlich betrunkene Asis, die den Mann im Visier hatten. Abgesehen davon, dass ich es auch so nicht unbedingt für ungefährlich halte, in dieser Ecke auf dem Radweg zu schlafen, da viele Radfahrer einfach sehr schnell und blind unterwegs sind, fand ich die Situation durch die betrunkenen Halbstarken eben auch unangenehm, man hört ja leider oft genug, dass solche Typen sich wehrlose Opfer suchen. Der Mann hatte auch schon erbrochen und brauchte sichtlich Hilfe, weil er mit Sicherheit an der Kotze erstickt wäre, wenn er sich nochmal hätte übergeben müssen. Also genug Gründe, diesem Mann irgendwie zu helfen und von disen Menschenmassen hat ihn keiner beachtet, jedenfalls nicht unter diesem Gesichtspunkt, sondern es wurde sich nur über ihn lustig gemacht oder man reagierte angeekelt.
      Ich fühlte mich ziemlich überfordert, ich hatte halt auch schon bisschen was intus und hätte jetzt auch nicht richtig gewusst, was ich machen soll, ich meine, ich hätte ihn versuchen können zu wecken, aber was denn dann? Und ich konnte ja auch schlecht da stehen bleiben und ihn bewachen, bis diese Irren verschwinden oder auf ihn losgehen. Ich hab dann meinen Freund angerufen und ihn gefragt, ob man in solchen Situationen die Polizei rufen kann oder an wen zum Teufel man sich eigentlich wenden soll. Ich wusste es einfach nicht. Er hat mich dann ermutigt die Polizei anzurufen, was ich letztenendes auch gemacht habe, obwohl ich mir echt unsicher war, wie die reagieren würden. Aber am Ende war es die richtige Entscheidung und der Mann sagte mir, dass leider in solchen Situationen viel zu selten reagiert wird und sie einen Streifenwagen vorbeischicken und die schauen, was mit dem Mann ist und ihm dann ggfs. ärztliche Hilfe zukommen lassen oder ihn für die Nacht an einen sicheren Ort bringen.
      Im Nachhinein dachte ich mir, vielleicht ging es auch anderen so, dass sie einfach nicht wussten, was man macht und deswegen gar nichts getan haben. Unsicherheit kann ja in solchen Momenten auch ein Grund sein, warum man wegschaut.
      Mein Beitrag oben sollte also ein allgemeines Plädoyer gegen das Wegschauen sein, ob und wie man nach dem Hinsehen helfen möchte, muss natürlich jeder selbst wissen.

      Löschen
    3. mit dem problem des wegschauens hast du total recht. bei dem betrunkenen war es auf jeden fall richtig die polizei zu rufen. ist mir auch schonmal passiert, da lag einer am fußgängerüberweg an der autobahnauffahrt... saugefährlich. was ich dann echt erschreckend fand war, dass bei der 110 niemand rangegangen ist! es hat mich auch keiner zurückgerufen, obwohl meine nr. nicht unterdrückt war. zum glück kam noch jmd vorbei, der die nr. von nem anderen polizeirevier hatte und dann haben wir zusammen gewartet bis die streife kam.
      ich hab die person erst gar nicht angesprochen, weil man bei betrunkenen nie weiß wie sie reagieren.
      bei bettlern denke ich halt dass der missbrauch sehr groß ist... am meisten regen mich diese wohlstands-bettler auf, deren klamotten besser aussehen als meine. und bei vielen finanziert man wohl auch den alkohol wenn man was gibt, das sehe ich auch nicht ein. die leute, die wie du beschreibst "durchs raster rutschen" sind wohl eher wenige.

      Löschen