Mittwoch, 7. November 2012

Yes, he could...

... have done better.

Zur Wiederwahl von Barack Obama.

Ich muss mich jetzt hier einfach mal ein bisschen unbeliebt machen und 90% der westeuropäischen Bevölkerung ihren Messias klauen. Zumindest habe ich vorhin gelesen, dass 90 % der westeuropäischen Bevölkerung für die Wiederwahl von Barack Obama waren.

Vorab, bevor ich gefedert und geteert werde - ich gehöre nicht zu den 10 %, die offenbar dagegen waren. Ich gehöre zu denen, die froh waren, dass sie diese Entscheidung nicht zu treffen hatten. Und ich wage einfach mal zu behaupten, dass ich zu den 10% der in dieser Hinsicht Bestinformierten der Bevölkerung gehöre. Nicht, weil ich größenwahnsinnig bin, sondern weil ich mich neben meinem allgemeinen Interesse an Politik im Rahmen meines Studiums im letzten Jahr sehr intensiv mit Familie Obama, ihrer Politik (und ich spreche bewusst von ihrer) und dem Dunstkreis des US-Präsidenten auseinandergesetzt habe.
Mit Mitt Romney habe ich mich im Übrigen auch auseinandergesetzt, wenn auch natürlich in keinster Weise so forschungsintensiv wie mit den Obamas. Aber aufgrund dieses Wissens ist es mir einfach ein Bedürfnis, meine two cents zur US-Wahl loszuwerden und ein bisschen am Messias-Image zu kratzen. Oder denen, die sich überhaupt nicht erst für die US-Wahl interessiert haben, weil Romney und Obama sich schließlich auch nicht für Europa interessieren - Ja, Totschlagargument, Europa wurde in keinem TV-Duell erwähnt - Großartig, schonmal auf die Idee gekommen, dass wir sowohl wirtschaftlich als auch militärisch doch mit den USA verbunden sind und sich die TV-Duelle in erster Linie an die amerikanische Wählerschaft richten, die sich ihrerseits eher sekundär für die Europapolitik interessiert?! Dann wäre das ja geklärt, danke.


Romney vs. Obama - Heuschrecke gegen Gutmensch?

Folgte man der Berichterstattung in den Medien, so wurde einem bisweilen der Eindruck vermittelt, eine böse Heuschrecke wolle dem Sozialpolitikhelden und Friedensnobelpreisträger Obama das Weiße Haus abnehmen.
Obama trat an mit dem Versprechen, dass alles besser wird, er aus dem kriegerischen Tun seines Vorgängers eine Politik des Friedens machen wird und Guantanamo schließen und die Kriege beenden wird. Belohnt wurde er dafür mit dem Friedensnobelpreis - wohlgemerkt alleine für die Worte, nicht für Taten. Was aus den Taten geworden ist, wissen wir alle.
Für den Friedensnobelpreis kann Obama nichts, dass die Entscheidung nicht besonders glücklich war, wenn auch nett gemeint, dürfte inzwischen den meisten klargeworden sein. Dennoch kam er damals für ihn zur rechten Zeit; gerade, als er seine Illusionen verlor und merkte, dass nur weil er der Präsident der USA ist und die heile Welt versprochen hat, ihm noch lange nicht jeder seiner politischen Umgebung bei der Umsetzung hilft. Oder gar, dass es sogar Menschen gibt, die seine Politik nicht für richtig halten, auch in seinem Beraterstab. Diese Erkenntnis war bitter für Obama. Die Euphorie innerhalb der amerikanischen Bevölkerung ließ nach, man hatte nicht viel Geduld mit ihm. In Europa hingegen wurde er gefeiert wie ein Popstar und bekam den Friedensnobelpreis. Dies führte bei ihm zu der Erkenntnis, Amerika sei noch nicht reif für ihn. So kann man es auch betrachten.
Obama sprach auch in der Innenpolitik von Einklang, gab sich als denjenigen, der immer um Ausgleich und Kooperation mit dem politischen Gegner bemüht war. Der wollte halt nicht...

Mitt Romney hingegen, einer aus der Wirtschaft, eine Heuschrecke. Wer so ein Vermögen in der Wirtschaft gemacht hat, kann nur unsozial sein. Antreten, um die Sozialpolitik Obamas wieder zunichte zu machen. Gierschlund! Raffzahn! Ach ja, und auch noch Mormone.
Und dumm, dumm ist er auch noch. Was er an Fettnäpfchen mitgenommen hat, hätte George W. Bush Jr. zur Ehre gereicht.
Wir haben Wirtschaftskrise, er kommt aus der Wirtschaft, vielleicht könnte er die Probleme besser lösen als Obama? Unsinn! Er würde sie wenn nur auf Kosten der Menschen lösen. Am Ende würde er vielleicht sogar noch einen Krieg anfangen, um die Wirtschaft anzukurbeln. Georgy Boy reloaded sozusagen, die Ähnlichkeiten sind frappierend. Daran kann auch die rührende Geschichte seiner Familie nichts ändern, von wegen Jugendliebe geheiratet und viele Kinder bekommen und dann auch noch während schwerster Krankheiten zur Ehefrau gehalten. Alles Inszenierung für den Wahlkampf, so ein Wirtschaftsmensch hat doch überhaupt keine Zeit, sich um seine Familie zu kümmern, der muss sein Geld streicheln.

 

  
Obama - eine gute Wahl?

Na wenn man das so liest, können wir ja alle froh sein, dass Obama wiedergewählt wurde. Ok, er hat vielleicht nicht alle Ziele erreicht, aber hey, ihm wurde das Leben schwer gemacht, hätten alle gemacht, was er wollte, bräuchte sich längst keine Dame mehr bei der Wahl zur Miss Universe den Weltfrieden wünschen. Und ein paar Sachen hat er ja auch erreicht, den Friedensnobelpreis zum Beispiel. Und er hat bin Laden geschnappt. Bin Laden! Dass dabei vielleicht nicht alles ganz friedlich oder gesetzeskonform abgelaufen ist, naja, bei so einem Ziel kann man darüber hinwegsehen. Und wenn man als Friedensnobelpreisträger Drohnen in die Zivilbevölkerung jagen lässt - andere hätten es Collateral Damage genannt, ein Gentlemen und Friedensnobelpreisträger hingegen (genießt und) schweigt.
Und der Rest wird werden, Amerika war nicht reif für ihn, das war nicht sein Fehler, vielleicht ist es es jetzt nach der Wiederwahl, sonst hätten sie ihn doch nicht wiedergewählt. Also kann er nun endlich Eintracht und Frieden stiften.

Und Romney?
Als Gouverneur von Massachusetts hatte er es doch tatsächlich geschafft, in den vergagngenen Jahren einen ausgeglichenen Haushalt bzw. sogar Überschüsse zu erzielen. Vielleicht wäre so eine "Heuschrecke" also doch nicht so schlecht gewesen in der Wirtschaftskrise. 
Auch schaffte er in Massachusetts im Kleinen das, was Obama im Großen nicht gelang - eine konstruktive Zusammenarbeit von Republikanern und Demokraten.
Zwar kritisierte er Obamas Gesundheitsreform, seine eigenen Pläne in dieser Richtung unterschieden sich aber wenig von denen Obamas. Und auch sonst gab es bei ihm einige beachtliche sozialpolitische Ansätze. Von einer bösen Heuschrecke auszugehen, ist also ungerechtfertigt.
Seine Äußerungen bezüglich der Feindes des Landes waren sicherlich ungeschickt bis unglaublich dämlich, aber teilweise eben auch einfach nicht ernstzunehmen. Leicht wird unter diesen herausragenden Äußerungen (wie Russland den geopolitischen Feind Nummer Eins zu nennen) vergessen, dass Romney unter anderem auch plante, die Truppenstärke im Ausland weiter zu reduzieren.
Auch sein Familienleben wirkt auf mich deutlich sympathischer und weniger inszeniert als das der Obamas. Ich weiß, dass diese Inszenierung dazu gehört und es bei beiden inszeniert ist, aber die Inszenierung der Obamas ist unehrlicher, finde ich, da von langer Hand geplant (man lese einfach seine Bücher oder weitere Bücher über ihn oder informiere sich über die Strategie hinter den Veröffentlichungen von Familienfotos etc.).

Ich will weder Obama runtermachen noch Romney die Krone aufsetzen. Romney hat viele Fehler, er hat viele Äußerungen getätigt, die ein absolutes No Go sind und auch mit vielen seiner politischen Ziele (wie beispielsweise der Todesstrafe) stimme ich in keinster Weise überein. Aber seine teilweise Dämonisierung in den Medien und in der (bisweilen uninformierten) Bevölkerung geht mir genauso auf die Nerven, wie die Glorifizierung eines Obama, der in bestimmten Bereichen einfach Boni genießt und viel zu wenig hinterfragt wird.


Could have done better

Obama hat nicht alles schlecht gemacht er hat sogar vieles gut gemacht. Aber er muss sich eben auch an den Erwartungen messen lassen, die er selber geweckt hat und von seinen Versprechen hat er viele nicht erfüllt. Außerdem ist er eben nicht nur der nette Emporkömmling mit afroamerikanischen Wurzeln, der schon allein deswegen, weil er der erste schwarze Präsident der USA ist, so unglaublich friedlich und sozial regiert. Der nette Herr Obama hat das genauso lange geplant wie seine Vorgänger und da, wo er vielleicht wirklich eher nett und vertäumt, manchmal sogar ein wenig naiv ist, da führt Michelle Obama ein strenges Regiment und regiert durchaus mit. Ihr Einfluss ist kein kleiner und ihr Machtwille wirkt deutlich ausgeprägter als seiner.


Ich wünsche Barack Obama, dass er in seiner zweiten Amtszeit wirklich das umsetzen kann, was er sich vorgenommen hat, denn ich halte ihn trotz allem für einen guten Menschen. Vielleicht kann er sich ja von Mitt Romney in Wirtschaftsdingen beraten lassen und die beiden hätten jetzt die einmalige Möglichkeit wirklich im Großen zu zeigen, dass Demokraten und Republikaner zusammen das Beste für Amerika (und auch für andere Länder) erreichen können und das alles friedlich und mit sozialer Politik.


Good luck, Mr. President!




Literaturempfehlungen

Wer sich näher für den Werdegang der Obamas interessiert, dem seien die beiden Bücher von Barack Obama ans Herz gelegt. Hier merkt man auch, dass wirklich vieles sehr lange geplant war (was ja nicht falsch ist, aber man könnte auch einfach dazu stehen).





Einen guten Blick über die Abläufe während der ersten Phase seiner Amtszeit als Präsident innerhalb des Weißen Hauses, aber auch innerhalb der Familie und der Politik bietet The Obamas. A Mission, a Marriage von Jodi Kantor. Sie hat zwar einiges an Kritik einstecken müssen für dieses Buch, bisweile auch zurecht, weil sie sich doch sehr viel rausnimmt für ihre Quellenlage, aber einen interessanten Einblick bietet es dennoch, wenn man es mit diesem Hintergrundwissen liest.




Und wer auf der Suche nach einer richtig guten und sympathichen Politiker-Autobiographie ist, dem empfehle ich das Buch von Bill Clinton. Ich hatte selten so viel Spaß beim Lesen eines solchen Buches und der Mann kann einfach schreiben, auch wenn er sich nicht kurz fassen kann, aber das nimmt man ihm nicht übel.



Kommentare:

  1. Ich finde deine Ausführungen zu Obama und Romney sehr gut. Gerade die Drohnen-Problematik geht häufig unter - und ist nicht ein Krieg, auf dem die eine Seite keine Männer (und Frauen) mehr opfern MUSS, nicht noch grausamer, als Kriege es ohnehin schon sind? Das ist eine Frage, mit der man sich in Zukunft intensiver auseinandersetzen muss.
    Amerika ist in meinen Augen nicht mehr die Supermacht, als die es sich selbst noch immer gerne sieht.
    Ob Obama tatsächlich all das "heilen" kann (und will?!), was aktuell im Argen liegt, ist fraglich. Ich glaube aber, dass Obama die bessere Wahl war - Mitt Romney ist mir neben der Tatsache, dass er Republikaner ist, auch von seiner persönlichen Wirkung und Zielen her betrachtet nicht ganz geheuer...
    Wobei man bedenken muss, dass Romney zwar die Todesstrafe postuliert, sie unter Obama aber keineswegs abgeschafft wurde.
    Regen und Traufe fällt mir dazu ein. Vielmehr nicht.

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    1. Danke. Gerade bei solchen Beiträgen freue ich mich über Kommentare, weil ich mir immer unsicher bin, wie sowas hier ankommt bzw. in den Blog passt. Loswerden möchte ich solche Dinge dennoch, aber ich vermute, die Mehrheit der Leserschaft hier besucht dieses Blog wegen anderen Dingen, deswegen ist es besonders toll, wenn sowas auch ankommt. :)

      Das mit den Drohnen sehe ich auch so. Irgendwie stellt sich ja auch die Frage, ob bei dem Einsatz von Drohnen, also wenn man eben nicht die eigenen Männer (Frauen) opfern muss, man nicht ggfs. leichter bereit ist, zu solchen Mitteln zu greifen und ein Krieg dadurch noch rücksichtsloser wird. Also nicht, dass es einen rücktsichtsvollen Krieg gäbe, aber dadurch fallen eventuell noch mehr Hemmungen, weil man selbst nicht viel bis gar nichts zu verlieren hat (schlimmstenfalls muss man sich (pseudomäßig) vor der UN oder sonstwem rechtfertigen), während man beim Gegner und eben häufig ja leider vor allem auch unter vielen unschuldigen Menschen einen großen Schaden anrichtet.

      Dass Obama die Todesstrafe abschaffen wird, denke ich auch nicht. Selbst wenn er persönlich dafür wäre sie abzuschaffen, würde er sich dem politischen Widerstand nicht aussetzen, da hat er ganz andere Probleme, die ihm wichtiger sind.

      Obama kann und wird meiner Meinung nach die vielen Probleme nicht lösen können. Er ist zwar ein hochintelligenter Mann, aber meiner Meinung nach liegen seine Stärken eher in anderen Bereichen als sie momentan gefragt sind. Er hat nicht wirklich viel Ahnung von wirtschaftlichen Belangen und die Art, wie er seine Berater rekrutiert mag zwar für US-Präsidenten nicht unüblich sein (wobei er da noch ein bisschen extremer ist als seine Vorgänger, was aber sicherlich auch an Michelle liegt), aber bei der aktuellen Situation wären da meines Erachtens andere oder wegen mir zusätzliche Leute gefragt.
      Ich glaube, Obama wäre der perfekte Präsident, wenn gerade alles in Ordnung wäre, also keine Wirtschaftskrise oder Terrorismusprobleme. Wenn er das nicht hätte, könnte er sich dem widmen, was er kann und was wohl auch sein Antrieb ist - der Sozialpolitik. Er könnte dafür sorgen, dass es eine größere Chancengleichheit gibt, niemand Existenzängste haben muss, obwohl er sich den Allerwertesten abarbeitet usw. Ich glaube, in dem Bereich liegen seine Stärken, das könnte er wirklich, da kennt er sich auch aus. Insofern war sein Spruch, dass Amerika noch nicht reif für ihn ist, gar nicht mal so falsch, auch wenn er es vielleicht nur am Rande darauf bezogen hat. Wahrscheinlich ist er auch deswegen in Europa so beliebt...

      Romney ist mir auch nicht ganz geheuer gewesen, wobei ich vieles am Ende für eine (schlechte) Wahlkampfstrategie gehalten habe, weil doch einige seiner politischen Handlungen seinen verbalen Entgleisungen widersprachen. Seine Unbildung in gewissen Bereichen, gerade Europa betreffend, ist für mich trotzdem unfassbar und geht gar nicht.

      Beide haben ihre Vor- und Nachteile und wie ich schon sagte, ich habe die Amis nicht um die Entscheidung beneidet. Aber immerhin hätte man sich bei beiden damit trösten können, dass alles besser ist als Bush. ;-)

      Vielleicht wäre Al Gore seinerzeit der wahre Obama gewesen...

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